Der Griff nach den Sternen

Wenn man mächtigen Politiker Glauben schenkt, dann hissen Astronauten schon bald auf dem Mars Flaggen, auf dem Mond wird nach seltenen Rohstoffen gegraben und Wissenschaftler schicken Sonden in schwarze Löcher. Der Aufbruch ins All ist ein fester Teil unserer Zukunft. Wie wollen wir ihn gestalten?

Zweifelsohne haben die Menschen schon immer zu den Sternen aufgesehen und sich gefragt, wie es sein würde, sie irgendwann zu erreichen. Noch nie war die Menschheit ihnen näher als heute, einer Zeit, in der wir Satelliten losschicken um die Welt um uns herum besser kennenzulernen.

Der erste Mensch im Weltall, ein Spaziergang im Nichts und die ersten Schritte auf dem Mond sind jedoch nicht nur das Ergebnis von menschlicher Neugier und ungebrochenem Forschergeist, sondern der Höhepunkt eines Kräftemessens zwischen West und Ost. Schlussendlich erreichte die Menschheit das Weltall nur, weil zwei Großmächte einen Krieg von der Erde ins All verlegt haben. Auch heute noch ist der Aufbruch in die Weiten des Universums mehr ein Prestige-Projekt als das Zeugnis großer Forschung.

Erst kürzlich gab Donald Trump bekannt, dass er sich für die Entstehung einer sogenannten „Space Force“ einsetzen wird, die wie die Navy oder Marines Teil des amerikanischen Militärs sein soll. Diese Idee ist nicht unbedingt neu, schon Reagan wollte mit seinem als „Star Wars“ bezeichneten Raketenabwehrsystem das Weltall und vor allem die Atmosphäre der Erde zum Kriegsgebiet machen. Was in „James Bond Moonraker“ noch eine recht irre Zukunftsvision ist, nämlich der Krieg im All, wird mehr und mehr zur Realität. Bereits jetzt wimmelt es in der näheren Umgebung der Erde von Satelliten und Kommunikationsnetzwerken und eigentlich jede Großmacht spielt zumindest mit dem Gedanken, ein Waffensystem oder Ähnliches in die Umlaufbahn zu befördern.

Dabei sah es nach dem Ende des Kalten Krieges und nach der Einrichtung gemeinsamer Raumfahrtprogramme eigentlich nach einer gemeinsamen Erkundung des Weltalles aus. Mit vereinten Kräften und dem geballten Wissen einer Menge kluger Köpfe wäre Vieles möglich. Doch eben danach sieht es in letzter Zeit nicht aus. Moskau verkündete etwa, den ISS Vertrag 2020 nicht verlängern zu wollen, sondern alleine weiterzumachen. China hat die ESA, NASA oder Roskosmos längst in der Weltraumforschung überholt und private Raumfahrtprogramme mit den verschiedensten Motiven drängen mehr und mehr auf den Schirm.

Kaum verwunderlich ist es daher, dass es in den Nachrichten immer wieder die verschiedensten Persönlichkeiten fürchten, dass das eigene Land abgehängt werden könne. Denn die Raumfahrt ist vor allem Zukunfts- und Prestigethema und das wird jetzt wieder allen klar: Mächtige Staatsmänner wie Donald Trump oder Großindustrielle wie Elon Musk richten ihren Blick wieder verstärkt Richtung Sterne.

Denn andere Planeten, im Moment vor allem den Mars, zu erreichen ist nicht nur eine reine Machtdemonstration. In einer Zeit, in der man auf dem Mond ebenso wie auf Asteroiden wertvolle Rohstoffe vermutet ist die Raumfahrt nicht viel mehr als ein Wettlauf. Denn wer zuerst da ist, der hat auch heute noch ein Recht auf die Ressourcen. So war es schon während der Kolonisationsphasen großer europäischer Imperien und so ist es heute noch.

Das ist auch dem amerikanischen Präsidenten klar geworden, für den „America first“ ganz offensichtlich nicht nur auf der Erde gilt. Außerdem braucht Donald Trump spätestens bis zu den nächsten Wahlen ein neues Prestigeobjekt. Ganz offensichtlich soll das neben der Mauer die Raumfahrt werden. Schon während des Kalten Krieges hat sich gezeigt, dass Erfolge wie der erste

Mensch auf dem Mond sich ungemein positiv auf die Stimmung im Land auswirken.

Es ist also kein Wunder, dass Präsident Trump vor kurzem bekanntgegeben hat, dass er die NASA mit zusätzlichen Millionen fördern wird. Obwohl die größte Raumfahrtorganisation der Welt auf Zuschüsse der Regierung angewiesen ist, blieben die Reaktionen eher verhalten. Denn mit den Millionen ist die klare Forderung verbunden, Missionen und Raketenstarts massiv zu beschleunigen und früher als geplant durchzuführen, also vor 2021. Geschickt, dass 2020 die neuen Präsidentschaftswahlen anstehen. Die Straffung des Zeitplans um „die treibende Kraft in der Weltraumindustrie“ zu werden und „unglaubliche Technologie“ in Gang zu setzen gefährdet Astronauten und Equipment und zeigt, dass sich beim Blick in die Sterne im Vergleich zu den 60ern und 70ern wenig verändert hat. Noch immer ist es die Gier, die Geld in die jeweiligen Projekte fließen lässt.

Wenn erstmals nach Jahren wieder ein Amerikaner den Mond betreten wird, dann aus zwei simplen Gründen. Erstens handelt es sich dabei um ein medienwirksames Ereignis und zweitens sollen Proben der verschiedenen Gesteine entnommen werden. Nicht nur für wissenschaftliche, sondern vor allem für finanzielle Zwecke. Schon seit geraumer Zeit sieht sich die Industrie nach einem Ersatz für seltene Erden und Rohstoffe um. Auf dem Mon könnten sie nun fündig werden. Aber hat die Menschheit überhaupt das Recht, fremde Planeten auszuplündern, selbst wenn sie als „tot“ oder „unbewohnt“ gelten? Und wenn es diese wertvollen Ressourcen gibt, wer hat das Recht, sie abzubauen? Können Großunternehmen einen Monopolstatus erlangen? Was für Auswirkungen hätte das auf die Freiheit der Märkte oder die Integrität ganzer Staaten?

Deswegen wollen nicht nur die USA, Russland oder China ins All. Auch private Raumfahrtorganisationen wollen einen neuen Einkommenszweig erschließen. Weltraumtourismus, Bergbau auf Asteroiden, Hotels auf dem Mond. Was man vielleicht aus Science-Fiction Filmen kennt soll so früh wie möglich Realität werden. Schon heute testen private Raumfahrtorganisationen vermehren Raketen und auch wenn es öfter zu Fehlstarts kommt, hat die Privatwirtschaft die Staaten in manchen Belangen sogar schon überholt. SpaceX zum Beispiel arbeitet an einer Rakete, die ähnlich wie ein Flugzeug immer und immer wieder ins All geschickt werden kann ohne Schaden zu nehmen. Dass die übereilten, oft fehlgeschlagenen Versuche tonnenweise Ressourcen kosten ist dabei egal. Die Zeit drängt: bis Ende dieses Jahres will der erste private Raumfahrtanbieter Menschen ins All bringen. Kostenpunkt: 250 000 Dollar pro Ticket. Solche und andere ehrgeizige Ziele verleiten nicht gerade dazu, es ruhig angehen zu lassen. Der zu erwartende Gewinn ist immerhin beträchtlich. Daher kann auch die kommerzielle Raumfahrt zum Problem werden. Zwar ist sie unabhängig von Regierungen und Ideologien, aber wer viel investiert erwartet auch großen Gewinne.

Die Forschung, die Suche nach neuen Erkenntnissen, die sich nicht irgendwie zu Geld machen lassen, kommt dabei oft zu kurz. Obwohl es noch hunderte unbeantwortete Fragen und ein ganzes Universum voller Dinge, die wir Menschen bis heute nicht verstehen können, gibt. Doch ebenso wie in den meisten anderen Forschungsgebieten steht und fällt die Finanzierung heutzutage oft mit den Ergebnissen. Niemand finanziert Forschung um der Forschung willen. Das klare Ziel ist immer ein Ergebnis, dass sich zu Geld machen lässt.

Dabei sollte der Mensch gerade das vermeiden. Klimawandel, Verwüstung und das Aussterben von Tierarten sind die Resultate, die Abgase, zu intensive Landwirtschaft und rücksichtslose Rodung gebracht haben. Genau das sollte dem Menschen doch außerhalb seines Heimatplaneten nicht passieren. Wenn es auf dem Mond seltene Ressourcen gibt, wer garantiert uns, dass es in 30 oder 40 Jahren noch einen Mond gewohnter Größe und Form geben wird? Wer sollte denn verhindern, dass das wertvolle Gestein abgetragen wird weil man es gewinnbringend verkaufen kann?

Der Konflikt zwischen Forschung und Finanzen ist allgegenwärtig und auch wenn wir ihn geschickt aus unserem Alltag verdrängen sind wir uns dieses Problems bewusst. Wenn es nicht gerade um Action-Kracher wie Alien oder Transformers geht, dann ist es doch erstaunlich, dass die Menschen meistens nicht die Guten sind, sobald sie Kontakt zu einer neuen Spezies herstellen. Das zeigt nicht nur die neue „Planet der Affen“-Trilogie, die sogar noch auf der Erde spielt, sondern auch Filme wie Contact oder Avatar, in denen Menschen auf Aliens treffen. In dem einen Film will man als Botschafter nur einen gläubigen Christen schicken, der die neue Spezies konvertieren soll, im anderen versucht sich ein großes Industrieunternehmen an der Vernichtung einer ganzen Zivilisation. Und in beiden Filmen ist es die Forschung, die solchen Auswüchsen den Weg ebnet. Nicht, weil sie böse ist, sondern weil sie Neues lernen will und schlussendlich unbewusst den Weg bereitet hat für Ideologien und Militäreinsätze. In beiden Fällen wird die betriebene Forschung missbraucht und kann am Ende nur noch machtlos zusehen, wie ihre Erkenntnisse zum Schlechten eingesetzt werden.

Einer, der über solche und ähnliche Szenarien nachgedacht hat, war der berühmte Physiker Stephen Hawking. In Erinnerung bleibt er uns als Genie, das ganze Generationen für das Weltall begeistern konnte, aber auch als Mahner, der vor Umweltverschmutzung, Krieg und Digitalisierung warnte. Seine feste Überzeugung war, dass die Menschheit sich irgendwann weg von der Erde und hin zum Weltall wenden müsse um ihr Überleben zu sichern. Ein sehr endgültiger aber notwendiger Aufbruch den die Menschheit in Filmen und Büchern schon hundertfach hinter sich gebracht hat.

Bereits seit geraumer Zeit suchen auch in der Realität Satelliten in den Tiefen verschiedener Galaxien nach Planeten, die dem unseren ähneln, also die uns bekannten Bedingungen für Leben erfüllen. Einerseits hofft man natürlich, doch nicht allein zu sein und andererseits sucht man einen Ort, der genügend Ähnlichkeiten mit der Erde aufweist um eine Alternative zu sein. Wenn einige der bekanntesten Forscher unserer Zeit davon überzeugt sind, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie irgendwann ihre Heimat verlässt, dann sind das Stimmen, denen man widerwillig Gehör schenkt. Nicht zuletzt deshalb forscht man nach möglichen Zwillingsplaneten, auf denen irgendwann in Zukunft Menschen leben könnten. Denn schon heute ist klar, dass die Erde weder die stetig wachsende Anzahl an Menschen noch deren Bedürfnis nach Rohstoffen und Platz gerecht werden kann. Falls irgendwann, egal ob durch eine Naturkatastrophe oder durch unsere eigene Rücksichtslosigkeit, ein Ortswechsel nötig ist, dann ist das eine Art Neubeginn von dem man nur hoffen kann, dass er uns nicht zu Parasiten macht, die einen Planeten nach dem anderen befallen und ihn dann ausgedörrt zurücklassen.

Auch wenn all das im Moment nichts weiter ist als gute Science-Fiction, so ist doch jedes einzelne dieser Szenarien erschreckend realistisch. Denn in unserer Vergangenheit haben wir bereits Völkermord begangen für Ressourcen wie Gold und wir haben Menschen versklavt um Baumwolle verkaufen zu können und uns gegenseitig umgebracht, weil wir uns nicht auf die gleiche Religion einigen konnten.

Können wir wirklich zulassen, dass wir unsere Fehler einfach so wiederholen?
Zwar gibt es noch aus den 50er, 60er und 70er Jahren verschiedene internationale Abkommen und Gesetze über den Weltraum, aktuell ist das Thema heute trotzdem nicht. Es fehlt ein Gremium, das weiterdenkt. Was wollen wir erlauben, wo Grenzen ziehen? Wie sieht eine friedliche Nutzung des Weltalls aus, wer hat die Rechte auf neue Ressourcen?
Angenommen da ist so etwas wie Leben irgendwo im Universum und es findet eine dieser Kapseln, die wir in den Weltraum schießen in der Hoffnung, nicht alleine zu sein, was würde es denken? Was für Spuren haben wir dann hinterlassen?

Im Moment besteht das Vermächtnis der Menschheit aus einem Gürtel an Satelliten und Weltraumschrott, der um die Erde kreist. Das sollte uns zu denken geben.
Wo bleibt also eine Kommission, die den Blick wieder auf die Sterne richtet und sich Gedanken über unsere Zukunft außerhalb unseres Heimatplaneten macht? Wenn es Ethik-Gremien gibt, die sich mit selbstfahrenden Autos beschäftigen, warum nicht für die Raumfahrt? Ein selbstfahrendes Auto ist im Moment ähnlich realistisch wie der erste Tourist auf dem Mond.

Denn eins ist sicher: Der Aufbruch der Menschheit zu den Sternen scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, nicht mehr, seit wir „That’s one small step for a man, one giant leap for mankind“ verzerrt durch den Fernseher oder das Radio gehört haben.

Die großen Fragen aber bleiben: darf es beim Aufbruch ins Alls um etwas anderes gehen als um die Suche nach Antworten? Wie wird die Menschheit sich in Welten präsentieren, die noch nie zuvor einen ihrer Art gesehen haben? Kann es nicht sogar zu Gefahr werden, wenn Machthaber wie Trump oder Putin ihre Weltraumprogramme missbrauchen? Wenn es Leben im Weltall gibt, wollen wir wirklich, dass machtgierige Despoten diejenigen sind, die den ersten Kontakt herstellen?

Wie weit darf die Forschung gehen, um das Universum zu verstehen und wer darf sie finanzieren? Wofür dürfen ihre Erkenntnisse genutzt werden und wo liegt die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn?

Was soll der Aufbruch zu den Sternen sein: Machtdemonstrationen, Kommerz oder die Suche nach Antworten?

Bilder:
Pixabay CC0, czami_minimalisty, Pixabay CCO, geralt

 

 

 

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